Shitstorm: neues Kleiderkreisel Bezahlsystem

Shitstorm: Neues Kleiderkreisel Bezahlsystem II How I met my outfit

photo: © DOC RABE Media – Fotolia.com

DE

„Liebe Mitglieder,

 
Kleiderkreisel ist in den letzten Jahren richtig erfolgreich geworden und ihr habt das ermöglicht. Kleiderkreisel lebt von den vielen tollen Kreislern, von eurem Feedback und euren Erfahrungen. 
 
Heute glauben wir, den nächsten Schritt wagen zu können. Darum führen wir das Kleiderkreisel Bezahlsystem bald ein. …“

 

So beginnt das offizielle Statement, das seit ein paar Tagen auf Kleiderkreisel zu lesen ist. Der Grund: Zwei Tage zuvor hatte das Kleiderkreisel Team die Community über die geplante Einführung eines neuen Bezahlsystems informiert und brachte damit einen regelrechten Shitstorm ins Rollen. Zum Verständnis für alle, die mit Kleiderkreisel nichts am Hut haben: Kleiderkreisel ist ein Onlineportal, auf dem hauptsächlich gebrauchte Kleidung verkauft, gekauft und getauscht wird. Ein virtueller Kleiderflohmarkt eben. Das Besondere: gebührenfrei für Verkäufer und Käufer. Aber Kleiderkreisel ist nicht nur der virtuelle, gebührenfreie Kleiderflohmarkt – in den letzten Jahren hat sich eine große und starke Community zusammengefunden, die sich tagtäglich über das Kleiderkreisel Forum austauscht und die Idee „Second Hand als erste Wahl“ unterstützt. Und eben diese Community traute vor ein paar Tagen ihren Augen nicht, als sie von den geplanten Neuerungen auf Kleiderkreisel erfuhr.

„Und tschüss!“

„Wenn das Bezahlsystem eingeführt wird, bin ich weg und vermutlich viele andere auch…“ lautet die erste Antwort auf die Ankündigung des Kleiderkreisel Teams. 4875 „Yeahs“ (so heißen die „Likes“ auf Kleiderkreisel) bekommt diese Antwort. Gerade mal 205 „Yeahs“ gibt es für die Ankündigung selbst. Und das beschreibt die Tendenz der über 10000 folgenden Kommentare sehr gut. Unzählige Mitglieder kündigen ihre Abmeldung an. Der Widerspruch ist enorm. Und die Fragezeichen sind groß.

Wie soll das neue Kleiderkreisel Bezahlsystem funktionieren?

Bislang waren alle Transaktionen kostenlos. Zwar gab es schon längere Zeit Richtlinien für das Einstellen und Anbieten von Artikeln, jedoch waren alle weiteren Transaktionen den Community-Mitgliedern überlassen. Wollte man einen Artikel kaufen, musste man sich mit dem Verkäufer persönlich in Verbindung setzen und sich über alle Kaufangelegenheiten einig werden. Das soll sich in den kommenden Wochen ändern. Kleiderkreisel (KK) plant, alle Verkäufer zu bitten, ihren eingestellten Artikeln eine Versandart zuzuordnen, damit das geplante Bezahlsystem eingeführt werden kann.

Das Bezahlsystem soll so funktionieren, dass Käufer Artikel zukünftig direkt über KK erwerben können – dazu soll der Betrag zunächst per Kreditkarte oder Sofortüberweisung (weitere Bezahlmethoden sollen folgen) an KK überwiesen werden. Das Geld soll dann so lange von KK einbehalten werden, bis der Käufer seinen Artikel erhalten hat oder eine Frist abgelaufen ist. Erst nach dieser Freigabe soll der Betrag auf das Konto des Verkäufer überwiesen werden. (Zu den Begrifflichkeiten von Konto und Bankkonto komme ich gleich noch. Seid gespannt.)

Verkäufer sollen an dieser Stelle keine Wahl haben, ob sie ihre Artikel über das Bezahlsystem verkaufen möchten – Käufer hingegen schon. KK will es Käufern weiterhin frei stellen, per Nachricht Kontakt zu Verkäufern aufzunehmen, um sich außerhalb des Bezahlsystems einig zu werden. (Auf Ebay ist dies z.B. verboten.) Entschließt sich ein Käufer aber für die Transaktion über das neue Bezahlsystem, kann er den Artikel direkt erwerben, ohne den Verkäufer vorher darüber in Kenntnis setzen zu müssen.

Verkäufer und Käufer aus dem Ausland sollen das Bezahlsystem vorerst nicht nutzen können und sich weiterhin über die Nachrichtenfunktion einig werden. Ebenso wenn es ums Tauschen von Artikeln geht.

Welche Gebühren sollen künftig anfallen?

KK spricht von einer Gebühr von 10 % des Verkaufspreises und zusätzlich 0,50 € pro Transaktion. Die Gebühren soll der Verkäufer tragen, indem sie direkt von KK einbehalten werden.

Welche Vorteile sieht KK in dem Bezahlsystem?

Für Käufer soll mehr Sicherheit her. Wer keinen Artikel erhalten hat, soll sein Geld zurück bekommen. Zumindest gilt das für versicherten Versand. Für unversicherten Versand wird laut KK noch nach einer Lösung gesucht. Sollte ein Artikel nicht der Beschreibung entsprechen, soll auch hier die Möglichkeit bestehen, das Geld zurück zu bekommen.

Darüber hinaus will KK mit dem neuen System für mehr Übersichtlichkeit sorgen und schnellere Verkäufe ermöglichen – Artikel, die gefallen, sollen sofort gekauft werden können, der Status der Transaktion soll jederzeit einsehbar sein.

Den Verkäufer soll das neue Bezahlsystem vor langen Diskussionen über Versand- und Bezahlmethode und häufig abspringenden Käufern bewahren. Hinzu kommt, dass Kontodaten durch das neue System nicht mehr an Fremde übermittelt werden müssen. 

Auch das Bewertungssystem soll überarbeitet werden. Bislang konnte auch dann bewertet werden, wenn keine Transaktion stattgefunden hat. In Zukunft sollen Bewertungen nur noch nach einer Transaktion möglich sein.

Was bedeutet das jetzt wirklich?

Dass Kleiderkreisel seinem Image mit dieser plötzlichen Ankündigung nicht unbedingt einen Gefallen tut, dürfte klar sein. Die Tatsache, dass KK über Jahre hinweg gebührenfrei blieb, wird nicht zuletzt der Grund sein, warum sich KK so großer Beliebtheit erfreute und als die „sympathische und ehrliche” Kleiderbörse zwischen Ebay & Co wahrgenommen wurde. Und so sind wir Menschen nun mal – will man uns ans Geld, gefällt uns das erst mal nicht.

Dass ein neues Bezahlsystem auch neue Kosten mit sich bringt, dürfte jedem klar sein. Eine Umwälzung dieser Kosten auf den Kunden ist aus wirtschaftlicher Sicht nachvollziehbar. Also womit verdient KK zukünftig Geld? Die genannten Einnahmequellen sind die 10 % Provision und die 0,50 € pro Transaktion. Und ansonsten? KK kündigt an, die Verkaufseinnahmen vorerst einzubehalten und erst nach Ablauf einer Frist an die Verkäufer auszuzahlen. Laut KK werden täglich mehrere tausende Artikel auf KK verkauft – daraus resultiert eine hohe Geldsumme, die also zukünftig vorerst von KK verwaltet wird. Natürlich eröffnen sich hiermit Möglichkeiten, mit dem zu verwaltenden Geld zinsbringend zu arbeiten. Aber zurück zu Fakten. Kleiderkreisel hat sich noch mehr einfallen lassen: Aus dem offiziellen Statement meint man heraus zu lesen, dass KK den Verkäufern ihr Geld nach dem “OK” der Käufer (oder aber nach besagter Frist direkt) auf das angegebene Bankkonto überweist. Liest man jedoch genauer in der Fragen&Antworten Liste nach, erfährt man: Das Geld wird den Verkäufern eben nicht ohne Umwege auf ihr Bankkonto überwiesen, sondern auf ihr virtuelles Konto. Es wird also zu Onlineguthaben. Hier kommt Mangopay ins Spiel. Was ist denn Mangopay? KK antwortet auf diese Frage: “Mangopay ist ein etablierter und zertifizierter Anbieter, der es uns ermöglicht, Bezahlvorgänge sicher abzuwickeln und das elektronische Geld der Mitglieder zu verwalten.” Aha. Im Endeffekt sieht das Ganze dann so aus, dass alle Verkaufseinnahmen einem virtuellen “Geldbeutel” gutgeschrieben werden. Das Geld aus diesem virtuellen Geldbeutel kann genutzt werden, um damit bei KK einzukaufen. Wer das nicht möchte und endlich sein Geld auf seinem Bankkonto sehen will, muss die Überweisung in Auftrag geben. Also nichts mit automatisch. Und wer weiss, ob so nicht auch gerne noch mal ein paar weitere Tage vergehen bis das Geld dann letztendlich auf dem Bankkonto eingegangen ist. Dieser virtuelle Geldbeutel gefällt mir persönlich gar nicht. Wozu brauche ich ein virtuelles Konto? Ich habe doch ein Bankkonto – und das bringt mir auch Zinsen.

Welche Sicherheit bietet das neue System?

Sehen wir mal von Geldangelegenheit ab – was soll uns das neue Bezahlsystem bringen? Macht es KK wirklich sicherer? Ich finde nur bedingt. Schwarze Schafe und Betrüger gibt es überall – davor kann uns auch ein neues Bezahlsystem nicht schützen. Wer betrügen will, der kann dies auch weiterhin durch falsche Behauptungen tun. „Ich hab’ das Päckchen abgeschickt!“ „Ich hab’ das Päckchen aber nicht bekommen.“ Aussage gegen Aussage. Wie sich KK in solchen Fällen verhalten wird, ist bisher nicht genau definiert. Bleibt also abzuwarten, ob sie diesbezüglich eine zufrieden stellende Lösung finden. Die einzige konkrete Sicherheit, die KK bislang für den Versand von Artikeln anführt, ist der Versand als versichertes Paket. Und damit hat KK auch eigentlich nichts zu tun – dafür ist die Post zuständig und eben diese versichert das Paket auch. Die Rechnung ist also einfach: versicherter Versand ist nichts Neues und geht auch ohne neues Bezahlsystem.

Dennoch sehe ich für Käufer tatsächlich etwas mehr Sicherheit. Durch die Verwaltung des Geldes durch Kleiderkreisel wird es für unehrliche Verkäufer zumindest schwieriger sich mit dem Geld aus dem Staub zu machen – immerhin verbleibt das Geld ja erst mal bei KK und bedarf einer Freigabe seitens des Käufers.

Für Verkäufer hat das neue Bezahlsystem zumindest den Vorteil, dass Kontodaten nicht an Fremde übermittelt werden müssen. Wobei ich persönlich darin auch nicht die größte Betrugsgefahr sehe. Es ist also aus meiner Sicht vielmehr ein nettes Argument in einem Zeitalter der endlosen Debatte um Datenschutz und Datensicherheit, das einen anfänglichen “Aha”-Effekt hervorruft und einen Vorteil suggeriert. Aber mal ehrlich: Wer ist schon mal Opfer eines Betrugs geworden, weil er seine Kontodaten an einen Käufer übermittelt hat!? Und? Lässt der “Aha” Effekt bei euch auch schon wieder nach?

Das neue Bewertungssystem ist meiner Meinung nach zwingend notwendig. Laut WAZ reagiert Kleiderkreisel damit auf die Kritik der Verbraucherzentrale, die vor allem das bisherige Bewertungssystem als „verlockend für Betrüger“ eingestuft hatte. Und so viel ist klar: wo ohne vorherige Transaktion bewertet werden kann, kann es auch schnell Fake-Bewertungen geben. Also Daumen hoch für das neue Bewertungssystem. Allerdings stellt sich mir die Frage: Was genau hat das neue Bewertungssystem nun mit dem neuen Bezahlsystem zu tun? Streng genommen nichts. Auf KK ist zu lesen, dass das Bewerten auch weiterhin außerhalb des Bezahlsystems möglich ist. Allerdings ebenfalls nur noch nach erfolgreicher Transaktion, d.h. nur dann, wenn ein Artikel als „weiter gegeben an XY“ markiert wurde. Somit hätte das neue Bewertungssystem auch unabhängig vom neuen Bezahlsystem eingeführt werden können. Also wieder kein Argument für das Bezahlsystem.

Bedienung

An dieser Stelle sehe ich tatsächlich den eigentlichen Vorteil des neuen Bezahlsystems. Wie Kleiderkreisel in seinem Statement schreibt, wurde das neue System bereits auf der UK und der US Seite („Vinted“) eingeführt und führte nach anfänglicher Skepsis zu gesteigerten Verkaufszahlen. Und das ist durchaus nachvollziehbar: Käufe können schneller getätigt werden, eine Absprache ist nicht mehr zwingend notwendig. Ich kenne es nur zu gut von mir selbst: jemand schreibt mir, dass er Interesse an einem meiner Artikel hat, ich vergesse zu antworten, weil ich gerade unterwegs bin und Zuhause nicht mehr daran denke. Verkauf verpasst. Da wäre die neue Funktion hilfreich. Genauso kann ich mir sehr gut vorstellen, dass Käufer „schneller“ einen Artikel erwerben, weil lästiges Hin- und Her schreiben nicht mehr notwendig ist. Die Kaufabwicklung wird einfacher und schneller. Erstes echtes Argument für das neue Bezahlsystem! Und wer hier zwischen den Zeilen mitliest, der dürfte auch bemerken, dass mehr Verkäufe auch mehr Einnahmen für KK bedeuten.

Nachteil für Verkäufer – Vorkasse

Während Käufer durch das neue Bezahlsystem neben kleinen Vorteilen zumindest keinen Nachteil haben, kommen Verkäufer leider nicht ganz so gut weg. Durch das neue Bezahlsystem müssen Verkäufer für Versandkosten in Vorkasse treten und wissen dabei scheinbar nicht mal, wann genau sie mit dem Geldeingang rechnen können. Für viele vielleicht nicht schlimm, für Schüler & Studenten aber unter Umständen sehr suboptimal. Gehen wir mal davon aus, dass eine Woche wider erwartend super läuft und eine Kreislerin zehn Teile verkauft, die alle als versichertes Paket verschickt werden sollen. Das sind dann 69 €. Das kann sehr viel Geld sein. Vor allem weil viele gerade aus dem Grund ihre Kleidung auf KK anbieten, weil sie nicht so viel Geld zur Verfügung haben. Der Einbehalt ist für Verkäufer also ein echter Nachteil. Nicht nur, dass es entweder einer Freigabe durch den Käufer bedarf oder eine Frist abgelaufen sein muss (die meines Wissens noch nicht genau definiert ist), nein, selbst wenn das Geld also freigegeben ist, findet der Verkäufer es zunächst auf seinem Konto, nicht aber auf seinem Bankkonto. Da stellt sich mir also die Frage: Wie lange dauert es wohl im Schnitt, bis das Geld letztendlich auf dem Bankkonto eingeht? Lange fürchte ich.

Nachteil für Verkäufer – Wahl der Käufer

Ein weiterer großer Nachteil für Verkäufer liegt meiner Meinung nach darin, dass sie sich ihre Käufer nicht mehr aussuchen können. Bislang war man als Verkäufer nicht verpflichtet seine Artikel auch tatsächlich jedem zu verkaufen. Hatte ein potentieller Käufer schlechte oder keine Bewertungen oder man hatte aus irgendeinem Grund ein schlechtes Bauchgefühl, musste man einem Verkauf nicht zustimmen. Das neue Bezahlsystem sieht an dieser Stelle wohl bislang kein “Veto” Recht für Verkäufer vor. Zwar ist das bei anderen großen Börsen wie z.B. Ebay nicht anders, allerdings war dies für mich bislang ein großer Vorteil von Kleiderkreisel. Der ist jetzt futsch.

Es wird also deutlich, dass das neue Bezahlsystem einige Nachteile für Verkäufer birgt. Verkäufer müssen zukünftig in Vorkasse treten, gleichzeitig aber auf ihr Geld warten und zusätzlich Gebühren zahlen. Dass Verkäufer augenscheinlich benachteiligt werden, wäre meiner Meinung in Ordnung, wenn es sich ausschließlich um gewerbliche Verkäufer handeln würde. So ist es aber nicht und genau deshalb sehe ich die ungleiche Behandlung sehr kritisch.

Unterm Strich

Trotz großem Widerspruch seitens der Community scheint Kleiderkreisel bei seiner Entscheidung zu bleiben: Das neue Bezahlsystem kommt. Aus Sicht der Käufer kann ich das Bezahlsystem befürworten. Ganz gleich, ob man in den Vorteilen auch tatsächlich Vorteile sieht, gibt es zumindest keine echten Nachteile für Käufer. Als Verkäufer fühle ich mich aber von der Argumentation seitens KK an der Nase herumgeführt. Die Vorteile, die KK für Verkäufer nennt, sind bis auf den evtl. zu erwartenden Anstieg der Verkäufe, für mich keine echten Vorteile. Auf mich wirken die Vorteile für Verkäufer eher konstruiert. Was tun? KK den Rücken kehren? Zu Ebay umziehen? Das kann jeder für sich selbst entscheiden. Zwar denke ich, dass sich die Situation auf KK für Verkäufer verschlechtern wird, was aber für mich nicht gleichzeitig bedeutet, dass Verkäufer zukünftig auf KK schlechter gestellt sind, als auf anderen vergleichbaren großen Portalen. Deswegen werde ich mich dazu entscheiden, KK eine Chance zu geben. Ich bin jedenfalls gespannt, wie sich das ganze entwickeln wird. Wie wird das neue Bezahlsystem in der Umsetzung funktionieren? Wird der Shitstorm ein genauso schnelles Ende finden, wie die meisten seiner Art? Oder wird KK zahlreiche Mitglieder verlieren?

Was meint ihr zu dem neuen Bezahlsystem? Werdet ihr KK weiterhin nutzen?

Alle Antworten auf offene Fragen gibt es hier: Kleiderkreisel Forum